König Karl der okkulte Blut Täufer

König Karl der okkulte Blut-Täufer

In den nebelverhangenen Nächten des Jahres 800 stand das Schloss zu Aachen wie ein schwarzer Zahn aus dem Boden. In seiner tiefsten Krypta, wo kein Kerzenschein je hingelangt hatte, stand ein steinernes Taufbecken. Es war nicht mit Wasser gefüllt. Es war bis zum Rand mit dunklem, noch warmem Blut gefüllt – dem Blut der Heiden, die man aus den Wäldern geschleppt hatte.

König Karl, die Krone aus dem Jahr 700 auf dem Haupt, trat an das Becken. Seine Finger, lang und knöchern, griffen nach einer kleinen, schalenartigen Schale aus gehämmertem Silber. Langsam schöpfte er das Blut, hob die Schale an die Lippen und trank. Das warme Nass rann über sein Kinn, tropfte auf den purpurroten Mantel und verschwand in den Falten, als hätte der Stoff selbst Durst.

Jeder Tropfen gab ihm Kraft. Wunden, die andere Männer getötet hätten, schlossen sich binnen Stunden. Seine Lunge sog nicht nur Luft – sie konnte die Atemluft aus den Körpern der Lebenden ziehen, bis diese lautlos zusammensanken, die Augen weit aufgerissen, den Mund offen wie bei Ertrunkenen an Land.

Die Menschen in den Dörfern rund um Aachen wussten es.
Sie verriegelten die Türen und legten schwere, rauchgetränkte Tücher vor die Schwellen. In den Herdstellen brannten sie Wacholderzweige und getrockneten Wermut, deren dichter, beißender Rauch die Luft schwer und stechend machte und das Atmen erschwerte. Manche streuten zusätzlich zerstoßene getrocknete Brennnesseln und Beifuß in die Glut, sodass ein scharfer, lungenreizender Qualm durch die Ritzen kroch.

An die Türpfosten und Fensterläden ritzten sie die Algiz-Rune (ᛉ) – das alte Schutzzeichen gegen böse Geister und nächtliche Mächte.

Doch es half wenig.


 

Nachts kam die dunkle Gestalt im purpurroten Gewand. Sie glitt durch den beißenden Rauch, als wäre er nur Nebel. Zuerst nahm sie den Atem. Die Opfer fielen lautlos, die Lungen schon vom Rauch gereizt und nun vollständig geleert. Dann kamen die anderen.

Eine kleine Truppe folgte dem König. Auch sie hatten von dem Blut getrunken. Ihre Fingernägel waren zu messerscharfen, röhrenförmigen Kanülen gewachsen. Mit einem einzigen Schnitt öffneten sie die Halsschlagader und saugten das Blut, während der Körper noch zuckte. Sie hinterließen nichts als leere Hüllen und den metallischen Geruch von Eisen und Angst.

Tagsüber war König Karl ein anderer Mann. In den Gewändern eines katholischen Priesters schritt er durch die Straßen, segnete Kinder, sprach lateinische Gebete und lächelte milde. Die Menschen knieten vor ihm nieder und küssten seinen Ring. Niemand sah die dünnen, fast unsichtbaren Kanülen unter den Fingernägeln. Niemand hörte das leise Zischen, wenn er nachts den Atem der Schlafenden stahl.

Nur wenige kannten den Weg, ihn zu töten. Man musste dem Blut-Täufer die Lunge durchstoßen – tief, bis das schwarze, geronnene Blut herausspritzte –, sie herausreißen und im Feuer verbrennen. Erst wenn die Asche der Lunge verweht war, hörte das Heilen auf. Erst dann starb der Blut-Täufer wirklich.

Einer wusste es.


 

Hardrad aus Thüringen, ein harter, schweigsamer Graf, der schon lange den purpurroten Mantel und das priesterliche Lächeln des Königs misstraute. Während andere noch an den milden Boten der Kirche glaubten, hatte Hardrad in den Nächten die leeren Hüllen gesehen und den beißenden Geruch von altem Blut gerochen. Er sammelte heimlich Männer um sich – Thüringer, die noch die alten Runen kannten und den Wacholderrauch nicht fürchteten.

In einer sternenlosen Nacht drangen sie in die Krypta von Aachen ein. Der Blut-Täufer stand am Becken und trank. Hardrad trat vor, die Algiz-Rune in die Handfläche geritzt. Mit einem langen, schmalen Eisen durchstieß er dem König die Brust, riss die schwarze, zuckende Lunge heraus und warf sie in das bereitgehaltene Feuer. Der Schrei, der dem Blut-Täufer entfuhr, war kein menschlicher mehr. Die Lunge brannte mit grünem, stinkendem Rauch. Als die letzte Asche verweht war, brach der Körper des Königs zusammen – endgültig.

Die kleine Truppe der Blutsauger zerstreute sich und verschwand in den Wäldern.

Doch die Kirche schwieg.
Aus Scham und Furcht vor dem Skandal verheimlichte sie den wahren Tod Karls. Denn tagsüber war er als Priester und Bote der Christen aufgetreten. In den Annalen ließ man nur vermerken, der große König sei friedlich entschlafen. Hardrads Name wurde aus den Chroniken gestrichen oder als Aufrührer verunglimpft.

Nur in Thüringen flüstert man noch manchmal den Namen des Grafen, der dem Dämon die Lunge nahm und das Land vom Blut-Täufer befreite.

In den Wäldern um Aachen hört man manchmal noch das leise Schürfen von Nägeln auf Stein. Und wenn der Wind aus dem Schloss weht, riecht es nach altem Blut, Weihrauch und dem beißenden Qualm von Wacholder.

This entry was posted in News. Bookmark the permalink.

Comments are closed.