Jogy Thomas Wolfmeyer erklärt auf was er schaut, wenn er in der Jury sitzen würde und präsentiert seine Punkte für den ESC. Wolfmeyer war Veranstalter von Events im Musik, DJs, Theater, Cabaret und Lyrik Bereich. Musiker und Bands anzuhören, die damals Kassetten zuschickten um Auftreten zu können, waren sein Alltag.
Wolfmeyeer: Wichtig ist es zu verstehen, aus welchen Faktoren die Jury Ihre Wertungen her nimmt. Genere Präzision, Stil, Darbietung, Ausstrahlung, Komposition, Umsetzung, Ursprung, Identität, …
Es sind meistens Musiker in der Jury von verschiedenen Genere, die versuchen übergreifend zu Beurteilen, was zum Teil ja sehr gut gelingt, aber wie wir mit unserer erstellten Analyse für 2025 gezeigt haben, hier unterschiedliche Favoriten haben. Da ich aus dem Jazz Bereich komme, werde ich nun meine Analyse vermutlich eher auf eine bestimmte Musikrichtung fokussieren. Dies trifft aber auch auf andere Musiker zu, die andere Musikrichtungen präferieren.
Also klar, dass meine Meinung nur eine bestimmte Richtung vertritt, die einmal geteilt oder eben nicht geteilt wird. Geschmäcker sind verschieden, deshalb gibt es diese Regeln, wonach beurteilt werden soll. Eigenen Favoriten lassen sich hier aber dennoch nicht ausshliessen. Durch die Begründung bekommt man allerdings immer einen Einblick, warum gerade dieser Song für eine bestimmte Jury heraus sticht. Gerne würde ich das wieder mit anderen Musikern und Experten machen, aber diesmal fehlt die Zeit dazu. Vielleicht schaffen wird das für 2027.
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Platz 1 und somit 12 Punkte erhält klarerweise Australien mit Eclipse
Die Ballade enthält alles, was ein Song benötigt und der epochale Aufbau zu einer Hymne, die mit jazzigen Klängen hier einen Kontrast erzeugt ist absolut ein Meisterwerk der Komposition. Die gewaltige Stimme von Delta Goodrem, die hier langsam Ihre volle Kraft entfesselt, und in allen Wechseln absolut felsenfest abliefert. Ein Hörgenuss, der nicht nur in der Disko zum Schleicher tanzen und Schunkeln einlädt, sondern auch einfach auch nur im Schaukelstuhl sitzend gehört werden kann. Der Song ist zeitlos und harmonisch. Alle Bestandteile des Songs sind perfekt aufeinander abgestimmt und bilden ein harmonisches Meisterwerk.
Bei mehrmaligem Anhören wirkt der Song immer intensiver und enthüllt neue kleine Details, die man zuvor überhört hat. Wer Australien kennt, der kennt auch die Strände, die im Sommer dazu einladen sich entweder in der Sonne Kraft zu tanken, oder auch bei leichtem Regen einfach auf einen warmen Stein zu setzen und das Rauschen des Meeres zu geniessen. Die Nächte meist Kühler aber immer noch sehr warm ziehen viele alte und junge Liebespaare an diese weiten Strände, um sich das erste Mal zu berühren oder den ersten Kuss auszutauschen. Dabei spielt auch die Mentalität der Australier eine grosse Rolle, einfach die Zeit vergehen zu lassen, ohne lange darüber nachzudenken, ob Morgen wieder ein Arbeitstag ist, oder die Blumen Zuhause schon gewässert sind. Die Zeit vergessen, bis es richtig Dunkel ist und die Hand vor Augen nicht mehr zu sehen ist, nur noch die Sterne am Himmel.
Beim Publikums Voting wird der Beitrag vermutlich unterbewertet werden, da es sich nicht um ein Europäisches Land handelt, dem man aus Sympathie Punkte vergeben wird, was Schade ist, denn der Song ist ein klarer Sieger.
Platz 2 mit 10 Punkten Czechia mit Crossroads
Ebenfalls eine Ballade mit einer sehr düsteren Melodie, die sich langsam aufbaut und durch den Minimalismus an Effekten gerade deshalb heraus sticht. Gesanglich absolut perfekt abgeliefert und das Spielen mit Höhen, Tiefen und Laut und Leise prägen sich in das Gehirn ein. Der Song hat etwas orchestrales, mystisches und die Komposition ist auf die Verwirrtheit mit den verschiedenen musikalischen Elementen spürbar. Man muss das Video nicht kennen, um auch die Geschichte Tschechiens darin zu erkennen, das von Eroberungen verschieder Ländern dazu geführt hat, dass gerade diese Situation der Entscheidungen für die Menschen dort eine dauernde Herausforderung war. Ich sehe in diesem Song ein Land, dass versucht endlich seinen eigenen Weg zu finden, der Ihnen ewig verwehrt wurde. Besonders die junge Generation, die jene Kriege nicht erleben mussten, kennen Ihre Geschichte oft nur von Oma oder Opa.
Ein Song, den man sich anhören kann, wenn man Entscheidungen treffen muss, die vielleicht nicht deem entsprechen, was der Mainstream von mir erwartet.
Dadurch, dass der Song auf diese oft extremen Tempo Wechsel bei ESC-Songs verzichtet, sticht er aus den anderen Songs heraus. Er ist rein und bleibt trotz dieser Tatsache nicht eintönig, sondern er fordert die Erwartung.
Eigentlich müsste ich jetzt aus Protest den 3. Platz frei lassen, den alle weiteren Beiträge sind so ziemlich gleichauf und würden eher gemeinsam auf den Plat 4 kommen, aber ich muss mich ja an die regeln des ESC halten und die Beiträge zuordnen auch wenn es mir schwer fällt. Los gehts
Platz 3 mit 8 Punkten Frankreich mit Regarde !
Frankreich verlässt die Komfortzone der Chanson und wagt sich in die Oper. Eigentlich besteht diese Komposition aus fast allen Teilen der französischen Musikgeschichte. Chanson, Sprechgesang und Oper. Die kunstvoll zusammengefügten Komponenten sind kraftvoll und stimmig aufgebaut. Der Song überspitzt nicht, sondern bleibt harmonisch und rhythmisch. Der Gesang bettet sich in das Spiel mit den Genre sehr gut ein und fliesst fast sanft durch den musikalischen Beitrag. Die Stadt der Liebe trifft den Punkt, dass sich die Stadt in ein Liebesdomizil entwickelt hat, dass alleine durch das Stehen an bestimmten Orten in Paris bereits das Gefühl der Liebe entfaltet. Text, Song und Interpretation sind so stimmig, dass die Frage offen bleibt. Warum erst jetzt mit dieser Art von Musik, da wir ja wissen, dass die Stadt des Eifelturms ja mehr zu bieten hat als nur Chanson. Da dieser Beitrag eigentlich von Frankreich nicht erwartet wurde, landet er auf als Motivation auf Platz 3.
Platz 4 mit 6 Punkten Finland mit Liekinheitin
Techno Elemente, klassische Elemente und eine konstante melodische Komposition mit Uptempo und einer Violine, die sich langsam vom Hintergrund in den Vordergrund arbeitet, ohne dabei die Inszenierung zu überladen. Besonders der Wechsel zwischen gefühlvollen Geigenklängen, die von einer zarten Melodie in eine rasante geladene Atmosphäre übergeht, macht den Song nicht nur interessant, sondern auch anspruchsvoll. Auch hier erkennt man die Kälte der Gegend im Song, wo man Körperkontakt als Wärme endfindet und nicht nur als reine Nähe. Ja man hätte auch einige alte Klänge erwartet aus dem eisigen Norden, aber auch so überzeugt der Beitrag mit Zugehörigkeit und Identität. Der Song ist deshalb ein Banger, weil wir aus dem Norden eher härtere Musik erwarten und weniger gefühlvolle Stücke. Ob in der Disko oder im Auto bei 130 auf der Autobahn ein Lied, dass auch zum Mitsingen animiert, auch wenn man sich erst in den Text einlernen muss.
Platz 5 mit 4 Punkten Azerbaijan mit Just Go
Eine einfühlsame Ballade mit einer aufbauenden Stimmung. Die Stimme dominiert mit einer absoluten Klarheit und vollen Tönen. Die Dramaturgie des Songs von der grossen Liebe zur Enttäuschung die durch gebrochenes Vertrauen entstand wird mit einer wundervollen Melodie ausgedrückt und ist bis am Schluss ein einheitliches Gefüge aus zarter Melodie und dominanten Gesang. Es ist deshalb auf Platz 5, weil es auch ein banger ist und so nicht von Azerbaijan erwartet wurde. Ein wunderschöner Song, der von einer fliessend getragenen Musik und einer aussagekräftigen Stimme lebt. Auch hier wird auf grosse Effekthascherei verzichtet und mehr auf eine Harmonie gesetzt.
Platz 6 mit 2 Punkten Switzerland mit Alice
Beim Beitrag der Schweiz, der einer der ersten Songs war, die ich zum ESC gehört habe, kam mir eigentlich der Gedanke: Jetzt haben die erst schon mit Nemo gewonnen und zielen wieder auf den Sieg ab. Allerdings ist ja die Schweiz bekannt als Land, dass sehr viel für Musik übrig hat und auch sehr viel Geld für Kunst zur Verfügung stellt. Ich selbst habe in der Schweiz immer wieder Anfragen bekommen, ob ich bei Veranstaltungen, wie das jährliche New Orleans Festival aushelfen kann, was dann aber dann wegen der Vorgaben der bevorzugten Regionalität von Unternehmen gescheitert ist.
Aber nun zum Song. Eine absolut gelungene Darbietung mit vielen Nuancen, die faszinieren. Eine Trauung benötigt unbedingt eine Walzer und so dominiert dieser Rhythmus den Song, der mit Indi und alternativem Pop eine entgleiste Welt Welt zeigt zwischen Gewalt und Zuneigung. Ein ruhiger Beginn wechselt in eine fetzige Rockperformance und endet mit einem melodisch rockigem Gitarrensolo. Die Singstimme erst monoton und dann ansteigend zu einer fast drohenden Aufforderung, endlich eine Person zu Lieben, obwohl sie Dir schreckliches Antut und dann wieder ein ruhiges mitleidig flehen. Die Dramatik im Song ist mit jeder Note fühlbar und überzeugend dargeboten. Der Song lebt von der Emotion zwischen Wut, Verzweiflung und halbherziger gespielter Reue aus Angst verlassen zu werden, die aber dennoch bei der Person ausreicht, die Dich einst geliebt hat.
Platz 7 mit 1 Punkt Denmark For Vi Gar Hjem
Balanceregler als Effekt ein fesselnder Einstig, der stutzig macht und dazu anregt den Beginn erneut zu hören, bevor man den Song zu Ende gehört hat. Ein langsamer Aufbau des Songs mit typischer aufbauender ruhigen Melodie, die sich dann zu einer eher poppigen House Musik mit schwingendem Bass wandelt. Man fühlt sich in die 80ger zurück versetzt und spürt den Vibe einer durchschwitzten Partynacht. Der leichte psychedelische Effect der Technik trifft auf das Ohr und harmoniert mit dem Arrangement und dem Gesang. Hier ist auch wieder das Unerwartete eingetroffen, denn diese Kombinationen war nicht zu erwarten. Der Song nervt nicht, sondern nimmt Dich mit auf die verbotene Reise, nicht Nein sagen zu können, wenn dich Amor auf der Party trifft und Du nicht weisst, ob Du das nach dieser ausgelassenen Nacht mit dieser bestimmten Personen, dies wieder erleben wirst. Ja man würde hier eher einen Hardcore Techno erwarten von den nördlich liegenden Ländern, da Gabber ja aus der Gegend kommt und wir in der Mitte Europas eher den funkigen House gehört haben. Der Song ist sehr ausgewogen und hat interessante Elemente, die Ihn zum Ohrwurm machen.
Allgemeines Fazit:
Warum habe ich kein schneller Lied im Petto?
Eigentlich haben mich die schnelleren Songs nicht wirklich überzeugen können und einfach Laute in einen Song reinschreien kennen wir von der Hard Core Band Venom mit Aaaarrrrggg Aaaarrrrggg Aaaarrrrggg und nicht wirklich abgestimmt auf einen Inhalt. Zudem wenn ich etwas mache, dann mit ganzem Herzen und nicht improvisieren und denken, ja wird schon passen. Es fehlt of die Leidenschaft und die Umsetzung scheitert auch meistens daran, dass man das Genre nicht ganz verstanden hat, das man sich ausgesucht hat. Oft gehen Musiker an etwas heran, weil sie es cool finden, aber den Spirit der Musik nicht verstanden haben. Wer wie bei Eclipse einen Jazz Teil oder Bei Denmark House einbaut, der muss diesen auch verstehen. Diese Musikrichtungen sind in einer bestimmten Epoche entstanden, dessen Hintergrund man kennen sollte und dessen Bedeutung für diese Zeit.
Zum Beispiel gibt es in Österreich eine sehr bezeichnende Epoche von Jazz Rock und Funky Jazz, der unsere Musikwelt geprägt hat, wie die klassische Musik. Oder auch 80ger Pop, Punk und Rock, wenn nicht sogar mehr Einfluss durch jazzige Elemente in unserer Pop-Rock Geschichte liegt.
ORF und die Geldnot oder fehlende Berater
Bei der Gala 70 Jahre ESC kam ss mir so vor, als hätte man die Musik grossteils bei Temu bestellt.
https://on.orf.at/video/14322304/70-jahre-esc-das-konzert-reloaded-by-rso
Juliette Khalil und Drew Sarich begann erst ganz gut und Drew hat so gut wie 60-70% der Ranges abgedeckt der Songs, die er performt hat. Wobei bei Juliette hier wohl nur die klassischen Stücke performt werden hätten sollen und für die grossen Ranges doch eher eine versierte Jazzmusikerin wie Corry Gass gefragt gewesen wäre. Und ich wette mit Euch, dass die Musiker sehr wohl wussten, dass es nicht Ihre Stimmlage ist und den ORF darauf aufmerksam gemacht haben. Ich muss halt annehmen, dass der ORF nicht mehr Geld ausgeben wollte, um eine wirklich gute Perfomance abzuliefern, sondern gesagt hat: Nah, des passt schon, sing einfach, da sitzen ehr nur irgendwelche ESC-Fans drinnen, denen das nicht auffällt.
Nino de Angelo hatte zumindest Probleme mit dem Hals, was sich nicht gerade sehr positiv auf die Performance ausgewirkt hat, da er eher wie ein zugerauchter Joe Cocker klang. Kurzfristig war wohl kein Backup möglich oder ebenso aus Kostengründen darauf verzichtet.
Auch Johnny Logan eine Range singen zu lassen, die nicht schaffen kann, war eine dieser Schnapsideen, die der ORF wohl nach einer durchsoffenen Nacht hatte. Es gibt Männer, wie JJ, die eine solche Range singen können, aber kein Logan.
Also 50% der Veranstaltung war ein voller Reinfall, obwohl die Künstler vermutlich den ORF aufmerksam gemacht haben, dass es nicht hinkommen wird so.
Warum der ORF hier nicht auf die Künstler selbst gehört hat und wenigstes bei einem Backup Künstler angefragt hat, kann ich nicht nachvollziehen und zeugt eher von Ignoranz und Inkompetenz bei gesanglichen Darbietungen.
Ich bin mal gespannt, welche Pannen und fehlende Geräte oder Personal beim ESC auf die Künstler zukommen werden.
Toi Toi Toi trotzdem den Künstlern
