Gedanken zum ESC 2026 Wien

Jogy Thomas Wolfmeyer – Gedanken zum ESC

Es ist immer schwierig eine Einleitung zu finden, die nicht Kitschig ist oder zu sehr Idealisiert.

Der ESC 2026 steht vor allem derzeit unter Kritik wegen der Teilnahme Israel, weshalb ich mich auch beschlossen habe, diesen Songcontest trotz dem er in meinem derzeitigen Wohnort Wien ist, nicht zu besuchen. Weil gerade die Kriegs- und Völkerrechtsverbrechen derzeit im Gaza Streifen und in der Westbank so sichtbar sind, verstehen eben auch viele ESC Fans die Entscheidung der EBU nicht. Besser wir ignorieren nun für den Gedankenaustausch diesen Aspekt, da dies zu einer Kant`schen Diskussion „Kritik an der Vernunft“ führen würde.


Ich hatte das Vergnügen einen Teil meiner Jugend in Graz zu verbringen, wo ich nicht nur meiner Ausbildung, sondern auch in meiner Freizeit die ersten Kontakte zurr Musikszene hatte. Ein guter Freund, der inzwischen leider verstorben ist, war Toni Gruber der Gruppe Fezzz (Willst du eine Banane) und er führte mich in Bandmanagement und Musik ein. Ich traf dadurch viele Musiker, die später erfolgreich waren oder als Musik-Produzenten Ihre Zukunft gefunden hatten.

Fezzz – Do you want a Banana

Am Wochenende hingen ich in Sonja`s „Skarabäus“ (Jazzkeller in Graz in den 80gern) ab und hatte somit bereits Zugang zu österreichischen Bands, die vor allem nach meiner Zeit in Graz plötzlich zu erfolgreichen Austropop`ern wurden. Egal ob es Thomas Spitzer, Klaus Eberhartinger, STS oder anderen Musikern, denen ich damals Bier gebracht hatte, weil ich nebenher etwas Geld verdient habe mit Kellnern, hätte ich niemals gedacht, dass ich diese später in der Hitparade hören würde.

Die Steiermark war damals geprägt als Wiege der österreichischen Popmusik.
Egal, ob Wilfried, Jazz Gitti un Andere, die ich später als Veranstalter kennen lernen durfte, waren auch mit der Steiermark verbunden. A Gulasch und a Bier war damals die Gage der Musiker, die eine grosse Menge begeistern haben in Jazzkellern, die gerade in den 80/90gern eine Revolution erlebten.

Klaus Prünster – Wonderworld

Meine Zeit anschliessend in Salzburg war geprägt von Alternativ, Grunge und klassischer Musik, die ebenso die österreichische Musik-Geschichte prägte. Salzburg war für mich nicht nur die direkte Verbindung zur Wiener Oper, sondern eine Ektase für das Auge. Die Stadt ist das absolute Prachtstück unseres Landes, ein Mönchsberg, der Kapuzinerberg, Hohen Salzburg, Hallein, der Schlenken (Berg beim Bergdorf Krispl) die Skigebiete im Lungau und Pongau, …! Ich liebe Salzburg und werde mich immer an die schöne Zeit in der Mozartstadt erinnern.

Eine Gemeinsamkeit hatten den äusserste Westen und der Osten von Österreich, wo man Punk, Rock und Blues in verschiedenen Variationen hören konnte. Auch in Vorarlberg war ich als Kellner in einem Jazz-Klub tätig und hatte ständig Musik und andere Kunst um mich herum. Als Veranstalter und Booking Agentur wurde es dann auch übergreifend auf Schweiz, Deutschland, Niederlande und dem Vereinigten Königreich, wo die Unterschiede in der Musik Vorliebe immer deutlich zu sehen war.

Genau diese Unterschiede der Kultur, der Landschaft, der Personalitäten sind Teil der Identität unseres Landes, aber zeigen die Vielfalt unserer Interpretationen und unterschiedlichen musikalischen Entwicklungen.

Als Veranstalter hatte ich nicht nur diesen eigenen Zugang der Musik um die Unterschiede zu Erfahren, sondern auch im Humor gab es gravierende Unterschiede, was mich jetzt auf meine Kindheit in Australien bringt, da ich den Beitrag von Australien „Milkshake Man“ besser verstanden habe, als der Rest der Österreicher. In Österreich bringt der Milchmann nicht die Milch vor die Türe, wie in Australien, sondern man kauft sie im Geschäft. Nur am Land, wo man noch mit der Milchkanne zum Bauern ging um die Milch zu holen, wäre damit vergleichbar, aber es zeigt nicht den besonderen Bezug zu dem Milchmann. In Österreich würde der Witz eher mit dem Postboten funktionieren, der nicht nur die Briefe bringt, sondern auch einige spezielle Dienstleistungen verrichtet. Wichtig zu bedenken ist das Klima, dass sich von unserem auch gravierend von Australien unterscheidet, denn bei plus 14°C frieren die Australier bereits, schalten die Heizung ein und bezeichnen es als Winter.

Ludwig Hirsch – Spit out the pacifier

Wir müssen Musik immer mit der Herkunft verstehen, was mit unserem Beitrag von JJ mit „Wasted Love“ nur deshalb gelungen ist, weil klassische Musik unser bekanntestes Exportgut ist.

Das ist auch der Grund, warum ich mich bei dem letzten ESC über das Experten Voting so geärgert habe, weil man sich nicht mit der tieferen Geschichte zum einzelnen Musikbeitrag auseinander gesetzt hat. Dicke Titten sind kein Merkmal für die Qualität eines Beitrages, der beim ESC aber sehr „Markant“ im Vordergrund stand. Klar isst Auge mit, aber es darf nicht zum Merkmal des ESC werden, dass Dur nur mit einem auffälligen Körperbau ins Finale kommst. Die grauen Weisen der Jury sollten sich bei den Beiträgen doch lieber auf den eigentliche Grund eines Musik-Kontestes konzentrieren, sonst müssen wir die Jury, wie bei „The Voice – Blind Audition“ hinter einen Vorhang sperren.

Dradiwaberl (Turn around Woman – Punk-Rock Band from the 80th) and Falco – Ganz Wien (All of Vienna)
Before Falco became famous he was Bass Guitar Player in this Punk-Rock Band

Vielleicht versucht Ihr bei eurem Voting erstmals die Geschichte und den Ursprung der musikalischen Darbietung zu recherchieren wie in einem kleinen Beispiel der Stereotype zeigt.

Die grössten Vorurteils Sünden:

Österreich:
Klassische Musik, Volksmusik

Ja es ist wahr, dass Österreich eine wirklich gravierende Geschichte in diesen Musikrichtungen hat, die weit länger zurück gehen als die populäre Musik. Wofür Österreich aber auch bekannt ist, haben viele vielleicht nicht am Monitor. Denken wir an Falco, der international bekannt wurde mit seinem Word-Rap Pop. Kennst Du noch Klaus Prünster mit seiner elektronischen Darbietung „Wunderwelt“, die uns auch geprägt hat. Auch unsere Geschichte im Jazz kann sich sehen lassen, denken wir an Joe Zawinul oder Klaus Dollinger mit Passport. Bei Rock gehen wir ja auch weiter mit Opus oder den Bluespumpm und ich könnte hier noch Stunden weiter machen.

Joe Zawinul – Live

Frankreich:
Chansons, Daft Punk

Klares Stereotyp der Franzosen, dass jedes Jahr ein Chanson präsentiert wird, aber im Rap, elektronische Musik haben die Franzosen ja ebenso internationale Bekanntheit errungen. Auch in der klassischen Musik wäre ja Frankreich ein Land mit viel History.

Spanien
Flamenco, Passadoble

Ja für viele sicher was uns als erstes zu Spanien einfällt. Es ist jedoch ein Land mit vielen Seiten n der Musik, dass ich hier nicht nur eine Musikrichtung heraus nehmen kann, sondern Spanier eine breite Palette an Musik bieten hat.

Italien:
Klassische Musik, Folklore, Cantare

Blöd, dass ich genau diese Stereotype an Italien so liebe, aber ein Land mit Italo-Pop Geschichte und allen Musikrichtungen.

Pippo Pollina – Lungo il fiume dell’innocenza

Nordische Länder
Folklore, Mystic Vibes

Oh eine schöne Vorstellung, aber die Norweger haben ja gezeigt, dass sie auch harte Töne treffen können, oder auch Abba mit Ihren Balladen begeistern. Ein Vielfältiges Land, von dem ich wirklich das Stereotyp in einem geilen Lied erwarte. Die Nordischen Länder sind ja sehr Einfallsreich und ich liebe den Mut auch, sich selbst aufs Korn zu nehmen.

Eivør Pálsdóttir: Tròdlabùndin

Polen:
Polka, klassische Musik

Ich würde gerne einmal eine gewagte Kombination von Polka, Rap und Pop sehen. Aber auch die Polen haben ein weites Feld an Musikrichtungen zu bieten und müssen sich nicht verstecken.

Ukraine:
Kosaken Lieder, Folklore

Egal, ob Hipp Hop , Elektro oder Pop, die Ukraine hat Alles und zeigt dies auch beim ESC immer wieder. Wohl werden die Ukrainer bald die Hymne Europas singen lernen müssen.

Verka Serduchka – Dancing Lasha Tumbai

Russland:
Balalaika, Chorgesang

Russland war immer ein wichtiger Beitrag für den ESC, denn anders als Israel ist Russland ja Europa. Witz und Innovation waren stets immer present, als Russland noch beim ESC war. Durch den Krieg mit der Ukraine eine verständliche Entscheidung, aber wir hoffen, dass wir Russland wieder dabei haben werden, wenn sich die Gräben geglättet haben.

andere Länder könnten hier noch aufgezählt werden, aber dann wird der Artikel viel zu lange.

Wir sollten auf jeden Fall Hintergründe immer im Kopf haben, wenn wir die Musik verschiedener Länder anhören und uns in die Geschichte und Mentalität hinein versetzen zu versuchen.
Oft bietet das Internet ja durch KI die Möglichkeit durch den Text die Botschaft zu interpretieren, aber wenn wir die Eigenart der Region nicht kennen, dann werden wir die Botschaft nicht so verstehen, wie die Landsleute.

Wir sollten deshalb und mehr in die Länder einfühlen, die Geschichte, die Sorgen, die Ängste, die Freuden, die Kultur, denn nur so lernen wir die Musik wirklich zu verstehen.

Musikalische Freuden wünsche ich Euch in diesem Sinne

Jogy Thomas Wolfmeyer
Österreichischer Philosoph

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